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Moltkerei Werkstatt e.V.
“Do you want to be in a film? You can either play yourself or a fictional character.”
People who responded to this casting call participated in HONIGFALLE / HONEYTRAP, an interactive exhibition and performance project by Signe Raunkjaer. Over the course of 4 summer weeks, various scenes took place in a staged room in Moltkerei Werkstatt, alternating between staged performance and reality, exhibition and film shoot, a scripted practice world and real experience. The spectators were free to react to the circumstances and decide: do I stay, do I go, do I speak, do I remain silent?
In addition to the scheduled performances and official opening hours, private timeslots in the room (a hotel room, a film set, a stage) were available for bookings by the hour; everyone was invited to use the room free of charge. All scenes were filmed to become a film.
Curated by Lisa Klosterkötter
Invited by You Might Also Like e.V.
HONIGFALLE
Durch einen öffentlichen Casting Call haben sich Personen gemeldet, die in dem Filmdreh HONIGFALLE mitspielen wollen. Durch den Aufruf wurde gefragt: Würdest du gerne in einem Film sein? Du kannst entweder dich selbst oder einen fiktiven Charakter spielen. Der Filmdreh findet in dem gebauten Zimmer statt. Das Live Casting ist ein Filmdreh, der wiederum eine Performance zur Eröffnung der Ausstellung ist.
Das Team, die Casting-Teilnehmenden und das Publikum sind Mitwirkende in einer performativen Gesamtsituation. Nicht alle werden gefilmt, es wird deutlich gekennzeichnet, ab welchem Punkt das Publikum im Bild ist und ebenso deutlich, welche Personen nicht gefilmt werden wollen.
Während der Laufzeit der Ausstellung wird eine Anzeige geschaltet, über die private Timeslots im Stundenhotel gebucht werden können. Alle Handlungen im Hotelzimmer werden gefilmt und fließen als Material in den entstehenden Film ein.
Das Projekt befasst sich mit Realitätsbefragungen, Verschiebungen von Dimensionen und Doppeldeutigkeiten: Was ist gespielt, was ist echt? Wo ist die Bühne, wo ist Backstage? Wer ist aus welchem Anlass hier? Wer kommt privat, wer professionell? Wer spielt eine Rolle, wer spielt sich selbst? Gefilmt wird ein Casting, das Casting ist ein Filmdreh, der Filmdreh ist eine Performance als Teil einer Ausstellung, die Performance wird zum Film. Signe Raunkjaers HONIGFALLE ist als Befragung von Mechanismen und Handhabungen des eigenen Arbeitskontextes im Medien- und Kunstbereich zu verstehen und wirft einen kritischen Blick auf zwischenmenschliche Stereotype, Handlungen und Codes. Sie interessiert sich für die Gratwanderungen, in denen gesellschaftliche Normen in ihrem routinierten, choreografierten Charakter kippen, das Skript seinen Faden verliert und Improvisationen zu echten Gefühlen werden.
Der Ausstellungstitel HONIGFALLE bezieht sich auf das gleichnamige Phänomen, die sogenannte Honigfalle aus dem Bereich der Spionage in historischen Kontexten bis hin zu einer Neunutzung der Begrifflichkeit u.a. durch Social Media. Die Honigfalle ist eine Mischung aus psychologischer Manipulation, emotionalem Kalkül und Irreführung: Personen werden durch Verführungstechniken in eine gezielt aufgebauten Situation eingebunden, in der sie durch sexuelle oder romantische Verführung getäuscht werden. Die Honigfalle stellt ein Paradox dar, zwischen Handlungsfähigkeit (der Spielenden) und Ausgeliefertsein (der Bespielten).
HONIGFALLE ist ein Spielfeld und bietet Möglichkeiten, mit den eigenen Hoffnungen, Sehnsüchten und Vorstellung eines intimen Momentes in einem abgesteckten Rahmen anders oder losgelöst umgehen zu können. Gemeinsam oder alleine kann in verschiedenen Teilschritten der künstlerischen Arbeit herausgefunden werden, welche Grenzen und Potentiale der intime Raum in einem öffentlichen Ausstellungskontext bieten kann.
Die Ausstellung HONIGFALLE von Signe Raunkjaer bewegt sich in einem Kreislauf von Versuchsanordnungen und stellt sich nicht zuletzt in die Tradition der künstlerischen Tätigkeiten und Programmatik der Moltkerei Werkstatt insbesondere der 1980er und 1990er Jahren, eine Zeit in der hier Partizipation, Performance und das Erproben von Gemeinschaftsformen durch künstlerische Strategien visioniert wurde.
Ich war schon einmal in diesem Hof. Ich war ein Kind und lebte im zweitobersten Stockwerk des Vorderhauses in der Moltkestraße 8. Von meinem Kinderzimmer ging ein schmaler Balkon ab, der in den Innenhof zeigte. Der Balkon hatte einen beängstigenden riesengroßen Riss in der Mitte, dennoch glaube ich, dass ich dort oft stand und hinunter geschaut habe. In meiner Erinnerung war in der hintersten Ecke des Hofes immer viel los, eine Traube an Menschen, die auf den hohen Stufen herumsaß und rauchte, plauschte und trank. Vielleicht habe ich mir vorgestellt, worüber sie sich unterhielten. Dass sich hinter der von meinem Aussichtspunkt kaum erkennbaren Tür eine ganze Welt eröffnen würde – ein sich wandelnder Raum für Kunst, voll von Betrachtungsweisen, Narrationen und Versuchsfeldern, konnte ich damals nicht erahnen. Die Menschen, die in den Hinterhof kamen, wirkten entspannt, sie hatten selten eine Tasche oder andere Last dabei, sie waren erregt und voller Freude über die Gelegenheit sich zu treffen.
Text: Lisa Klosterkötter
HONIGFALLE
Written & directed by Signe Raunkjaer
Produced by Lisa Klosterkötter, Zoe Wrede & Signe Raunkjaer
Camera: Zoe Wrede & Marja Suna Vormann
Set design: Pino Ottl Sandner & Signe Raunkjaer
Soundtrack: Toni Montgomery
Sound: Margareta von Klenze
Set AL: Lei Torcelli
Castingbetreuung: Marie Tragousti
Regieassistenz: Anika Hoffmann und Natalie Fasbender
Performers:
Luca Anthony, Blanca Barbat, Emmanuel Benjamin, Davide Degano, Raha Dvinicheh, Frank Heinig, Hannah Himmel, Rebecca Hirschler, Seo Hyunji, Anja Krüger, Philomena Lauprecht, Tina Streich & others who prefer to go unmentioned.
Photos: Lisa Klosterkötter